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| Johannes Gerloff

Kommentar: Koscher lügen

„Iran ist hier“ steht auf den blauen Stahltüren am alten Bahnhof in der deutschen Kolonie in Jerusalem. Ein paar Meter daneben hat eine Sprühschablone im selben Stil die Worte „Nürnberger Gesetze 2011" hinterlassen. Hintergrund dieser Graffiti ist die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung zwischen religiösen und säkularen Teilen der israelischen Gesellschaft. Säkulare befürchten ein Diktat orthodoxer Maßstäbe im Blick auf Kleidung, Geschlechtertrennung, Sabbatruhe und Pressefreiheit – um nur einige strittige Bereiche zu nennen. Das Schreckgespenst, das sie für ihre propagandistischen Zwecke an die Wand malen, ist ein theokratischer Mullahstaat, der jede Freiheit im Keim erstickt.

Religiöse Israelis haben Angst vor einer Bevormundung durch den säkularen Staat und eine Überschwemmung durch weltliche Einfl üsse, die zur Verwässerung der eigenen, strikt gelebten Lebensweise führen könnten. Deshalb prangern Plakate im ultraorthodoxen Jerusalemer Viertel Mea Schearim den „Zionismus als Holocaust des jüdischen Volkes“ an und fordern „Zionisten und ihre Kollaborateure raus!“ und eine „Abschaffung des gotteslästerlichen Staates.

Wenn man Hebräisch und Jiddisch und den entsprechenden wirren Mischmasch aus beiden und mehr Sprachen entziffern kann, sind die „Pakaschwilim“ – wie die Wandzeitungen im ultraorthodoxen Jerusalemer Viertel Mea Schearim heißen – eine wahre Fundgrube. Ein Fenster in die Denkweise unter den schwarzbehüteten Köpfen tut sich auf. Hemmungslos wird das gesamte Arsenal der Antisemitismusvorwürfe gegen das säkulare Israel angewandt, von mittelalterlichen Ritualmordlügen bis hin zur nationalsozialistischen Judenvernichtung.

Um die Fakten klar beim Namen zu nennen: In Israel ist die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum verboten. Aufkleber in Jerusalemer Buslinien mahnen die Einhaltung dieses Verbots an. Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland gibt es in Israel keinen gesetzlichen Feiertag und aus Lebensbereichen, die religiös bestimmt sind, wie etwa Eheschließungen oder Beerdigungen, hält sich der Staat strikt heraus.

Ein paar Tage bevor ich die Aufnahmen von den Graffi ti an Jerusalems altem Bahnhof machte, hatten jüdische Extremisten an eine Wand im alten muslimischen Friedhof von Mamilla geschmiert: „Nur ein toter Araber ist ein guter Araber“. Innerhalb weniger Stunden reinigten Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Kalksteinwand in Mamilla mit Sandstrahl. Die Aussage, „der Iran ist hier“, ziert aber noch Tage später den alten deutschen Bahnhof Jerusalems. [...]

Lesen Sie den ganzen Beitrag in der Ausgabe 1/2012.

Iran ist hier
Iran ist hier
Jerusalems alter Bahnhof
Jerusalems alter Bahnhof
Medienarbeit / Presse