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| Ulrich W. Sahm und Johannes Gerloff, Jerusalem

Gedanken zum Oskar-Anwärter „Töte zuerst“

Schon der deutsche Titel des Films „Töte zuerst“ des israelischen Regisseurs Dror Moreh, wie er bei der ARD ausgestrahlt worden ist, stimmt nachdenklich. Erstmals melden sich sechs ehemalige Chefs des Inlandsgeheimdienstes „Schin Beth“ vor der Kamera zu Wort, um über ihre Fehler und die moralische Problematik ihrer Teils schmutzigen und moralisch umstrittenen Arbeit zu sprechen. Ursprünglich hieß der Film auf Englisch „The Gatekeepers“ (Torwächter). Der Koproduzent NDR beschloss jedoch, ein halbes Zitat von Geheimdienstchef Avi Dichter als Titel zu verwenden. Wie Andrea Lauser vom DIG Freiburg in einem Briefwechsel mit dem NDR richtig feststellte, lautet das komplette Zitat aus dem Talmud: „Wenn jemand kommt, dich zu töten, steh auf, und töte ihn zuerst."

Das ist die klassische Definition von Notwehr, wie sie auch im deutschen Grundgesetz verankert ist und für jeden deutschen Polizisten gilt. Gleiches gilt auch für Militär und Geheimdienste. Sie haben die Aufgabe die Bürger ihres Staates zu beschützen. Und wenn die mit Gewalt angegriffen werden, ist es oft unumgänglich, selber Gewalt anzuwenden.

Neben diesem verkürzten und deshalb verfälschenden Titels des für den Oskar vorgeschlagen „Dokumentarfilms“ muss man sich fragen, was der Film bezweckte. Jenen, die fern von Israel leben und den israelischen Geheimdienst wohl für eine Verbrecherorganisation halten, liefert der Film eine billige Bestätigung für Israel als Staat, der vermeintlich palästinensischen Terror provoziert und selber schuld am mangelndem Frieden und den eigenen Toten trägt. Doch zeigt dieser Film eher einen Staat mit Geheimdienstchefs, für die Moral der höchste Wert ist und gerade deshalb kehren sie die eigenen Fehler hervor.

Wer die mit manipulierten historischen Filmdokumenten dargestellten Ereignisse verfolgt oder gar miterlebt hat, erfährt nichts Neues über die gezielt herausgepickten Pannen und Skandalaffären des Geheimdienstes.

So ist willkürlich 1967 als Ausgangspunkt ausgewählt worden. Geschickt wird ausgeblendet, dass palästinensischer Terror und arabische Kriege gegen Israel und seine jüdische Bevölkerung schon vor 1967 existierten. Im Vorspann werden nur Gaza und das Westjordanland thematisiert, obgleich Israel 1967 auch die ägyptische Sinaihalbinsel und die syrischen Golanhöhen eroberte, wo auch Menschen leben. Gar kein Thema sind die in Israel lebenden Araber, die heute zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wiederholt stellten auch sie ein akutes „Sicherheitsproblem“ dar, indem sogar arabische Knesset-Abgeordnete wie Asmi Bischara gemeinsame Sache mit dem Feind machten. Ebenso blendet der Film den weltweiten Antisemitismus und islamistische Vernichtungsaufrufe und Träume gegen Israel aus.

Der Film enthält sogar faktische Ungenauigkeiten. Im dramatischen Ton eines historischen Nachrichtensprechers von 1967 wird da verkündet: „Plötzlich gelangten eine Million Palästinenser unter israelische Kontrolle“. Das ist eine anachronistische Formulierung, denn diese Araber wurden frühestens ab 1968 als „Palästinenser“ bezeichnet.

Die Geheimdienstchefs beklagten mit politisch gefärbter Kritik an der Regierung und dem Parlament, dass „alle“ Mitglieder eines rechtsgerichteten jüdischen Terrorrings vorzeitig begnadigt worden seien. So soll dem ahnungslosen Zuschauer weiß gemacht werden, dass die israelischen Regierungen selbst mit Verbrechern unter den Siedlern gemeinsame Sache machen. Doch auch das ist faktisch falsch. Nicht nur sitzt der Rabinmörder weiterhin im Gefängnis. Auch Ami Popper oder Jona Abrushmi, die aus politischen Motiven Araber ermordet haben, sitzen weiterhin hinter Gittern, während der Staat Israel Hunderte arabische Massenmörder, teilweise nach nur kurzer Haftstrafe freiließ, im Rahmen von Gefangenenaustauschs. Darüber fällt in dem Film kein einziges Wort. 

Regisseur Dror Moreh hatte die sechs noch lebenden Geheimdienstchefs zu Pannen befragt, die in Israel längst bis ins letzte Detail diskutiert worden sind. Ein klassisches Beispiel ist die Tötung von zwei Terroristen, die einen Bus der Linie 300 entführt hatten. Beide Männer waren lebendig gefangen worden, was Pressefotos belegten. Nach ihrer Festnahme sind sie von Geheimdienstagenten ermordet worden.

Im Film werden Peinlichkeiten thematisiert, wie Soldaten, die  mangels Arabischkenntnissen während einer Volkszählung den Arabern an der Haustür erklären: „Wir sind gekommen, Euch zu kastrieren“, anstatt korrekt zu sagen: „Wir wollen euch zählen.“ Ein wenig Humor heitert so das ernste Thema ein wenig auf.

Gewiss ist es pikant, mit Geheimdienstchefs über Moral und „Grenzen der Legalität“ zu philosophieren. Andererseits ist die Masche der Geheimdienstler etwas plump, die Fehler und Missstände auf ihre ehemaligen Vorgesetzten, nämlich die jeweiligen Regierungschefs abzuschieben. Das ist billige politische Polemik, die in einem vermeintlichen „Dokumentarfilm“ nichts zu suchen haben sollte.

Natürlich ist es positiv, wenn Geheimdienstagenten über „außergerichtliche Hinrichtungen“ nachdenken.

Am Ende muss man sich fragen, was die selbstkritischen Geheimdienstchefs bezweckten, wenn sie mit ihren Vorgesetzten, den Ministerpräsidenten, abrechneten, die Pannen und eigenen Fehler hervorkehrten und dann auch noch politische Ratschläge erteilten.

Die Antwort dazu ist einfach. Die Interviewten sind heute allesamt Privatleute. Einige sind Politiker geworden. Der Film war für sie eine billige Methode, sich zu profilieren und mit Ruhm zu bekleckern. Sie haben nichts Neues erzählt und nur alte Kamellen aufgewärmt. Und weil auch die moralischen Fragen längst ausdiskutiert sind, wird der Film in Israel gar nichts bewirken, zumal er populistisch und mit billigen Mitteln seine private politische Meinung des Regisseurs hinausposaunt. Das ist sein gutes Recht und in Israel ein verbreitetes Phänomen.

Eine andere Frage ist, wie der Film im Ausland und besonders in Deutschland aufgenommen wird. Da hat allein schon der vom NDR (im Einvernehmen mit dem Regisseur) ausgewählte Titel „Töte zuerst“ dem Film eine inakzeptable politische Stoßrichtig zuerteilt. 

© Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Außer Spesen nichts gewesen

Gut Jiddisch ist es nichts als Chutzpe, einen Film zu produzieren, der nichts Neues bringt, dem Zuschauer fast eineinhalb Stunden lang talking heads aus immer gleicher Perspektive zumutet, ein Drittel des Millionenbudgets für die Manipulation von historischem Film- und Bildmaterial aufwendet, um dafür dann auch noch einen Oskar als bester Dokumentarfilm zu erwarten. Aber diese Chutzpe darf man Dror Moreh nicht zum Vorwurf machen. Dafür ist er zu bewundern!

Dass hochrangige Vertreter des Sicherheitsapparats nach ihrer Pensionierung in die Politik gehen, ist in Israel ebenso normal wie die Tatsache, dass sie sich dann offen an kontrovers geführten Diskussionen beteiligen. Typisch israelisch an diesem Film ist, dass hohe Vertreter des Sicherheitsapparats vor laufender Kamera ihr Versagen und moralische Bedenken im Blick auf ihren Beruf breit treten. Selbstkritik ist der erste Schritt zur Verbesserung der eigenen Fähigkeiten. Selbstgefälligkeit der erste Schritt in Richtung Abstieg. Das weiß jeder Sicherheitsprofi.

Wer Enthüllungen von den Ex-Schabak-Chefs erwartet hat, sollte bedenken, dass in Israel zurzeit ein Alt-Staatspräsident wegen Vergewaltigung hinter Schloss und Riegel sitzt und ein Ex-Finanzminister ebenda über seinen Umgang mit Geld nachdenkt. Ein Geheimdienstler hat mit keinerlei Nachsicht zu rechnen, sollte er seine Geheimhaltungspflicht verletzten.

Vielleicht hätte Dror Moreh seinen Oskar gewonnen, hätte er seine Gesprächspartner nicht nur zum Platznehmen vor der Kamera überredet, sondern etwas mehr Action inszeniert. Ein Gang mit dem greisen Avrum Schalom durch das berüchtigte Moskobiye-Gefängnis in Jerusalem, hätte durchaus Hitchcock-artiges Flair einfließen lassen können. Oder eine Fahrt mit Yuval Diskin im Maserati durch die Innenstadt von Tel Aviv, inklusive der entsprechenden Autoleichen am Straßenrand, die zu jedem zünftigen Bond gehören, hätten den Unterhaltungswert des Streifens definitiv gehoben. Eine Bootsfahrt mit Ami Ayalon hätte andeuten können, dass der Ex-Admiral nicht nur der Kritischste der Sechs, sondern auch der Einzige ist, der das Spionagehandwerk nicht von der Pieke auf gelernt hat.

Wenn die außerisraelische Öffentlichkeit auch nur einen Pfifferling auf ihre Kritikfähigkeit gibt, ist spätestens jetzt eine Diskussion darüber angebracht, dass Dokus das infamste Mittel der Propaganda und die hinterhältigste Weise der Indoktrination sind, weil der Zuschauer sich der Illusion hingibt, er habe eine sachliche Dokumentation gesehen und sei nun in der Lage, sich selbständig ein Urteil zu bilden. Die sensationsheischenden Ankündigungen des Streifens, müssen die Produzenten von ZDF und Arte mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren. Das gilt auch für die Veränderung des ursprünglichen Filmtitels „Die Türhüter“ zum Deutschen „Töte zuerst“, die mehr über die propagandistische Zielrichtung der deutschen Vermarkter des Films aussagt, als über dessen Inhalt.

© Johannes Gerloff, Christlicher Medienverbund KEP

Die ehemaligen Schin-Bet-Direktoren Avraham Shalom, Ami Ayalon, Yaakov Peri (oben, v. l.), Avi Dichter, Yuval Diskin, Carmi Gillion (unten, v. l.)
Die ehemaligen Schin-Bet-Direktoren Avraham Shalom, Ami Ayalon, Yaakov Peri (oben, v. l.), Avi Dichter, Yuval Diskin, Carmi Gillion (unten, v. l.)
Medienarbeit / Presse