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| Franziska Tofaute

Rezension: „Holocaust light – gibt es nicht!“

„Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ hat schon der Philosoph George Santayana (1863- 1952) gesagt. Stehen wir als Deutsche bezüglich des Holocaust in dieser Gefahr? Reaktionen wie „Ach, jetzt muss es auch mal gut sein mit dem Holocaust“ und: „Die Juden haben genug an Wiedergutmachung gekriegt“, denen man heute auf Deutschlands Straßen begegnet, führen zu der Annahme, dass wir als deutsches Volk wieder einen gefährlichen Weg eingeschlagen haben. Nach all dem was gewesen ist? Können und dürfen wir als Deutsche einen ‚Schlussstrich‘ unter die nationalsozialistische Vergangenheit ziehen?

Der Film ‚Holocaust light – gibt es nicht!‘ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er begleitet die Holocaustüberlebende Sara Atzmon und ihre zwölfjährige Enkelin Schachaf zu den Orten, wohin Sara mit ihrer Familie während des Holocaust von den Nazis verschleppt wird. Saras Geschichte ist die Geschichte der ungarisch-jüdischen Familie Gottdiener, die von den Nazis kreuz und quer durch halb Europa gejagt wird. Ihr Vater und drei ihrer Geschwister überleben den Holocaust nicht. Sara, geb. Gottdiener, kommt mit ihrer Familie (sie ist das vierzehnte von sechzehn Kindern) zunächst in das Ghetto Debrecen.

Die Nazis haben beschlossen, 800.000 in Ungarn lebende Juden zu vergasen. Und jeden Tag werden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 20.000 ungarische Juden auf diese Weise umgebracht. Der Zug jedoch, in dem sich Sara mit ihrer Familie im Juni 1944 auf dem Weg nach Auschwitz befindet, stoppt vor den Toren des größten Vernichtungslagers der Nazis. Und wird zurückgeschickt. Wie das? Er steht nicht auf der täglichen Zug-Liste der Nazis. Der Ordnungssinn der Deutschen, deren Gründlichkeit Millionen Menschen das Leben kostet, rettet Sara und ihre Familie in diesem Fall das Leben. Doch der Zug fährt nicht in die Freiheit.

Die Familie kommt nach Österreich ins Arbeitslager. Im November 1944 werden sie wieder in Züge verfrachtet und in den sogenannten ‚Schlachthof‘, das Konzentrationslager Bergen- Belsen, das sich 20 Kilometer von Celle in Niedersachsen befindet, gebracht. Sara verbringt einen Teil ihrer Kindheit beim Spielen neben Bergen von Leichen. Später stellt sich heraus, dass die Fleischbeigaben, die in der Suppe enthalten sind, Menschenfleisch sind. Für Sara ist Bergen-Belsen die Hölle. Mitte April 1945 werden Sara und ihre Familie mit etlichen anderen Häftlingen wieder in Züge mit unbekanntem Ziel verfrachtet.

Doch mitten auf offener Strecke stoppt der Zug plötzlich. Stille kehrt ein. Es stellt sich heraus, dass die SS mit der Lokomotive geflohen sind. Die Häftlinge sind frei und klettern aus den Waggons. Als sie in einem Dorf in der Nähe von Farsleben bei Magdeburg die Bewohner um etwas zu essen bitten, werden etliche von ihnen erschlagen. Sara kann aus Furcht nicht aus dem Zug klettern, sondern bleibt im Waggon. Bis sie von Amerikanern gerettet werden. Zusammen mit ihren Geschwistern entscheidet sie sich, nach Palästina zu gehen. Dort kommt sie am 16. Juli 1945 an.

Ihre Mutter kehrt nach Ungarn zurück, um nach Überlebenden ihrer Familie zu suchen, doch findet sie niemanden. 60 Mitglieder ihrer Familie wurden von den Nazis umgebracht. Sara kann erst im neugegründeten Staat Israel am 14. Mai 1948 wirklich frei sein, denn zuvor werden die neueingewanderten Juden von den Briten, die bis 1948 noch das Mandat über Palästina innehaben sollten, ins Lager Atlit bei Haifa gesperrt. Denn die Araber im Land sind gegen die jüdische Einwanderung und die Briten hatten während des Zweiten Weltkriegs und darüber hinaus eine araberfreundliche Politik verfolgt und die jüdische Immigration massiv eingeschränkt.

Sara darf nun endlich zur Schule gehen und engagiert sich für den neugegründeten Staat Israel. Später leistet sie ihren Wehrdienst bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften Zahal ab und heiratet 1954 den im Land Israel geboren Juden Uri Atzmon. Sie bekommen sechs Kinder und die Familie ist mittlerweile um ein Vielfaches angewachsen. Sara kann jahrzehntelang nicht über das Erlebte sprechen und seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr weinen. Die Erinnerungskultur, die im Judentum eine sehr wichtige Rolle spielt, ermöglicht es den nachfolgenden Generationen, ihre jüdische Identität zu erhalten.

Für Sara Atzmon ist es ein langer Weg, bis sie über das erlebte Grauen sprechen kann. In den Siebzigern fängt sie an, in Schulen Vorträge zu halten, in denen sie über ihre Leiden während des Holocaust spricht. Doch das Gefühl, dass Ihre Zuhörer nicht wirklich nachempfinden können, was sie erlebt hat, lässt sie Ende der 80er Jahre mit der Malerei beginnen. Und so findet sie einen Weg, ihrem Erleben einen Ausdruck zu geben, der Menschen ihre Geschichte nahebringt, eine Stimme gegen das Vergessen ist und für Mitmenschlichkeit wirbt.

Mittlerweile gehört sie zu den bekanntesten Malerinnen Israels. Sie ist in der ganzen Welt unterwegs und geht in Schulklassen, um mit Lehrern und Schülern ins Gespräch zu kommen. Ihre Bilder sind weltweit in Ausstellungen zu finden. Sara versteht sich selbst als Botschafterin im Kampf gegen das Vergessen: „Meine Aufgabe ist es, der Welt davon zu erzählen, was passiert ist. Ich mache das für die kommenden Generationen und für die Leute, die gestorben sind.“ Weiter sagt sie: „Ich mache das auch für die deutsche, junge Generation. Sie müssen das aus erster Hand hören.“ Und so können sie auch der nachfolgenden Generation erzählen, was passiert ist. Sara geht es dabei nicht darum, dass die jungen Leute ihre Großeltern verurteilen.

Der Film spannt den Bogen von Saras Familie im Holocaust hin zur heutigen Situation in Deutschland, in der viele Menschen über die deutsche Vergangenheit im Unwissen sind. Laut einer Forsa-Umfrage und einer Expertenstudie im Auftrag des Bundestages weiß jeder fünfte junge Erwachsene nichts mit dem Begriff Auschwitz anzufangen und ein latenter Antisemitismus ist bei 20 Prozent der Deutschen zu finden. Reaktionen die von Unwissenheit über Ignoranz („Ich empfinde keine Verantwortung“) bis hin zu offenem Antisemitismus reichen.

Uwe Dziuballa, der Besitzer des jüdisch-koscheren Restaurants ‚Schalom‘ in Chemnitz hat mit letzterem bereits etliche bittere Erfahrungen gemacht. Und wenn sogar Beweismittel bei der Polizei verschwinden, dann erinnert dies beängstigend an die Situation in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Juden in Deutschland nach und nach ihre Rechte und ihr Schutz von Seiten des Staates genommen wurden.

Und wie ist das in Israel? Die, die den Holocaust überlebt haben, erinnern sich nur zu gut daran und leiden immer noch. Die junge Generation im jüdischen Staat wächst mit diesem Erbe heran, dass es Menschen in Deutschland und Europa gab, die ihre Großelterngeneration verfolgt und ermordet haben.

Müssen und dürfen wir als Deutsche einen Schlussstrich unter unsere Geschichte mit dem Holocaust ziehen? Der Film meint ‚Nein‘, denn Sara Atzmon sieht es als ihre Aufgabe, den jungen Menschen auf der ganzen Welt zu zeigen, wohin Hass und Verleumdung führen können. Wilfried Bullinger, Leiter des Feigenbaum e.V. ist es ein Bedürfnis, das „Erinnern und Lernen aus der jüngsten deutschen Vergangenheit zu unterstützen – nicht zuletzt angesichts des Versagens der christlichen Kirchen während des Holocausts“.

Was ist unsere Aufgabe als Christen in dieser Situation? Der Holocaust ist nicht in einem Vakuum entstanden, sondern hatte etliche Wegbereiter in der Kirchengeschichte, meint Lisa Schmidt, die sich in der Internationalen Christlichen Botschaft für Israel einsetzt. In unseren christlichen Kirchen wurde offen Antisemitismus propagiert und das Wissen um Gottes Plan mit Israel ging verloren. Wie können wir heute angesichts erneut wachsenden Antisemitismus´ damit umgehen?

Wilfried Bullinger erinnert daran, was Gott zu Abraham und seinen Nachkommen in 1. Mose 12,3 gesagt hat: „Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen.“ Konkret heißt dass, dass wir uns für das jüdische Volk einsetzen, indem wir junge Menschen nach Israel und ins Gespräch mit Holocaust-Überlebenden bringen. Dass wir uns eine Meinung bilden und uns einmischen – für Israel und die Juden. Und nicht wieder wegsehen und schweigen, wie es unsere Großeltern in der Nazizeit getan haben. Aus der Geschichte wächst eine Verantwortung. Lassen wir nicht zu, dass sich unsere deutsche Geschichte wiederholt. Dazu braucht es Mut und Weisheit. Lassen wir sie uns von Gott schenken.

Bild: Sara Atzmon
Bild: Sara Atzmon
Medienarbeit / Presse