Lieber Kollege Grass, es gibt Meinungen und Lösungen. Für politische Meinungen braucht man nichts, manchmal nur einen Stammtisch und ein paar Bier. Für Lösungen in der internationalen Politik braucht es mehr, vor allem Informationen und die Ausbildung zur Auswertung. Zur Ausbildung gehören Themen wie Determinanten der Außenpolitik, außenpolitische Infrastruktur, Konstellationsanalyse, außenpolitische Ziele, Phänomene der Eskalation und hundert weitere, wie ich in meinem Politologie-Studium gelernt habe.
Informationen werden beschafft von Botschaften, Geheimdiensten, Auswertungen von Statements, öffentlich zugänglichen Quellen. Ein immenser und teurer Aufwand, gerade bei einem repressiven Land wie dem Iran.
Sie haben die Lösung für die atomare Bedrohung durch den Iran erarbeitet. Israel soll still halten. Nicht reagieren auf die beispiellose Aufrüstung im Iran, nicht auf die Raketen mit immer größerer Reichweite, nicht auf die Todesdrohungen, nicht auf die hysterischen Massenkundgebungen, nicht auf die Raketenlieferungen an Hamas – und Hisbollah-Terroristen, die täglich auf Israel abgefeuert werden. Um Ihre Lösung zu forcieren, soll Israel keine UBoote mit abschreckender Zweitschlag-Kapazitäten erhalten.
Sie haben uns in ihren biographischen Darstellungen die Ausbildung zum Spezialisten für Internationale Beziehungen und Eskalationen verschwiegen. Deshalb nenne ich Sie Kollege. Wenngleich: die SS-Zeit lässt sich schwerlich auf die Ausbildung anrechnen. Sie haben uns auch nie von Ihren exzellenten Kontakten zu KGB, CIA, Mossad, MAD und der IAEA erzählt. Auch nicht zu den iranischen Revolutionsgarden. Mussten Sie auch nicht. Wichtig ist: Sie wissen genau, was Ahmadinedschad umtreibt: blankes Maulheldentum. Pathologisch zwar aber harmlos. Sie wissen und Sie müssen. Sie wissen mehr als die o.a. Dienste zusammen, Ihre Erkenntnis muss hinaus in die Welt mit Hilfe der Süddeutschen Zeitung, der man mit gutem Gewissen unterstellen kann, einen besessenen Medienkrieg gegen Israel zu führen.
Es drängt und dräut Sie in wer weiß welchen Organen, aber sicher nicht in Ihrem Gewissen. Das blieb relativ ruhig bei dem Schlachten in Syrien, den Massenmorden in Darfur, den Hinrichtungen von Kindern und den Steinigungen von Frauen im Iran, den mörderischen Attacken palästinensischer Terroristen, die kleinen Kindern die Köpfe zerschmettern, der unsäglichen Geiselhaft von Gilad Shalit, als Al Quaida dem Journalisten Daniel Pearl die Kehle durchschnitten oder in Toulouse ein Islamist Schulkinder auf offener Straße erschoss. Nichts davon hat Sie so in Rage versetzt wie die Entschlossenheit Israels, die Drohungen aus Teheran ernst zu nehmen.
Mag daran liegen, dass Sie sich in an Ihrem Wohnort im Schleswig- Holsteinischen Weselsfleth sicher genug vor der nuklearen Bedrohung der Mullahs fühlen und auf Abschreckung verzichten können. In Weselsfleth lässt sich`s gut urteilen, wie Israel sich zu schützen hat. In Weselsfleth lässt sich auch fordern, dass Israel auf Schutz zu verzichten hat.
Sie sind wahrlich ein neu geouteter, topinformierter Politologe, deshalb muss ich Sie grundsätzlich Kollege nennen, wenngleich ein politikwissenschaftliches Würstchen.
Mit letzter Tinte sei Ihre Tirade lyrisch geschrieben? Mag sein. Gewiss nicht mit spitzer Feder, sondern übel geschmiert. Sicher, dass ihre Tinte blau ist und nicht braun? Bevor noch mehr Gedichte dieser Art zu erwarten sind, trocknet Ihr Tintenfass hoffentlich rechtzeitig aus. Am Ende Ihres Lebens haben Sie sich entschieden, wo Sie ihren Platz einnehmen wollen: am Stammtisch. Prost Herr Kollege.
Leo Sucharewicz
Diplompolitologe


