Wie in jedem Jahr lädt die CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag im Rahmen ihrer Vortragsreihe „Johann-Amos-Comenius-Club Sachsen“ in Kooperation mit dem „Forum Frauenkirche“ für den Herbstbußtag zum Vortrag ein. Der Johann-Amos-Comenius- Club Sachsen (JACC) ist ein Gesprächsforum zu Grundlagen, Zielen und Ergebnissen der parlamentarischen Arbeit der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages. Es wurde 1996 vom damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Dr. Fritz Hähle (Chemnitz-Grüna) gegründet.
Seitdem haben an über 60 Veranstaltungen namhafte Referenten mitgewirkt und vor mehr als 10.000 Besuchern gesprochen. Jährlich finden vier Veranstaltungen im Freistaat Sachsen statt. (Weitere Informationen unter: www.cdu-sachsen-fraktion.de) Weitgereister Gast war am 20. November der Theologe und Nahostkorrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP (Wetzlar), Johannes Gerloff aus Jerusalem. Auf dem Programm stand das Thema „Naher Osten im Umbruch – Israel und die arabische Welt“.
Nachdem Frauenkirchenkantorpfarrer Sebastian Feydt die Gäste unter der gut gefüllten „Steinernen Glocke“ in Dresden begrüßt und der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Steffen Flath eine kurze Einführung gegeben und den Referenten vorgestellt hatte, trat Johannes Gerloff an das Mikrofon und begann seine bemerkenswerte Rede, aus der ich hier Auszüge mit Genehmigung des Autors zitiere:
„Sehr verehrte Damen und Herren, seit nunmehr einigen Jahren sind wir Zeitzeugen eines Umbruchs in Nordafrika und dem Nahen Osten, der die Gesellschafts- und Staatenordnung umstürzt, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist. Wohin der so genannte ‚Arabische Frühling’ führen wird, weiß heute niemand. Allerdings können wir jetzt schon sagen: Der Orient, wie wir ihn bis vor zehn Jahren gekannt haben, wird nie mehr derselbe sein.
Unvorstellbare Grausamkeiten haben Wunden in Gesellschaften und Menschenleben gerissen. Hunderttausende von Menschen wurden getötet. Das alles wird Generationen brauchen, um zu heilen. Und im Moment sind wir noch gar nicht an einen Punkt angelangt, an dem wir von Wiederherstellung oder gar Heilung reden könnten. Der Brand des wunderschönen Souk von Aleppo in Nordsyrien ist mir persönlich ein Symbol dafür, dass diese Revolution historische Schätze zerstört, die unersetzbar sind.
Uralte religiöse und kulturelle Gemeinschaften haben ihr Ende vor Augen. Denken Sie nur daran, dass schon im Neuen Testament (Apostelgeschichte 9) eine christliche Gemeinde in Damaskus erwähnt wird. Erstmals in der Geschichte hat ‚die Straße’ in der arabischen Welt Macht geschmeckt. Einfache Menschen haben erkannt, dass sie sich ihre politische Ordnung nicht diktieren lassen müssen. Allmächtig geglaubte Herrscher können gestürzt werden.
Deshalb ist der ‚Arabische Frühling’ eine Revolution, nicht nur eine Rebellion oder ein Aufstand. Schon jetzt wurde unumkehrbar Neues hervorgebracht. Ob das notwendigerweise besser ist, bleibt abzuwarten. Dabei ist die Gesellschafts-und Regierungsform, die wir als ‚Demokratie’ propagieren, in keinem araHasstirabischen Land auch nur als entfernte Option am Horizont erkennbar. Wenn ich Ihnen heute einige Beobachtungen und Überlegungen aus meiner Perspektive mitteile, ist Verzerrung und Fehlurteil vorprogrammiert.
Ich arbeite und lebe mit meiner Familie in Israel. Der Vorteil des Standorts Jerusalem liegt auf der Hand: Ich muss nur die Haustür öffnen und sehe mich Menschen gegenüber, die aus Tunesien, Marokko, Libyen und Ägypten, aus Syrien, dem Jemen, dem Irak und dem Iran stammen; die sich dort auskennen, die Landessprache sprechen und nicht selten mit Freunden und Verwandten in diesen Ländern regen Kontakt pflegen. – Mit der Gründung des Staates Israel wurden nicht nur 700.000 bis 900.000 Araber zu Flüchtlingen, sondern auch eine Million arabischer Juden gezielt aus ihrer Heimat vertrieben. Dass die Länder der Arabischen Liga eine geplante ethnische Säuberung ihrer jüdischen Bürger im Sinn hatten, ist heute durch Dokumente im Archiv der Vereinten Nationen belegbar.“ (…) „Gleichzeitig sind wir fast aber genauso weit davon entfernt wie Europa – oder, um es mit den Worten eines Israelis zu sagen: ‚Wir sind eine Villa im Dschungel.’
Die Gefahr der Verzerrung und des Fehlurteils kommen nun aus der Nähe Israels zum Orient, aus unserer Nähe zu, unserem Interesse für und unserer Konzentration auf den jüdischen Staat und dem eigenartigen Mythos, ‚der Nahostkonflikt’ – also, der Konflikt zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Nachbarn oder gar Israels Schwierigkeiten mit den Palästinensern, – sei (wenn ich das einmal orientalisch blumig sagen darf) ‚die Mutter aller Konflikte’.“ (…) „Tatsache ist, dass die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Arabern mit den aktuellen Umwälzungen in der arabisch-islamischen Welt überhaupt nichts zu tun hat.“ (…) „Politisch gesehen ist Israel im ‚Arabischen Frühling’ schlicht irrelevant.
Aber selbstverständlich hat der Arabische Frühling eine hohe Relevanz für die Zukunft Israels. Deshalb ist es durchaus berechtigt, sich das Geschehen im Nahen Osten aus israelischer Sicht und mit besonderem Fokus auf Israel zu betrachten.“ (…) „Der Iran ist zwar kein arabisches Land, aber einer der einflussreichen Spieler auf der politischen Bühne des Nahen Ostens. Mit der Wahl von Hassan Rouhani zum 7. Präsidenten der Islamischen Republik Iran hat sich aus israelischer Sicht nichts geändert.“ (…) „Gleichzeitig deuten alle Indizien dar auf, dass der Iran nicht nur eine zivile Nutzung der Atomkraft verfolgt, sondern ein waffenfähiges Programm aufzubauen sucht. Und schließlich hat das Land in den vergangenen Jahren Mittel entwickelt, die es ihm ermöglichen, eine Atombombe an einen effektiven Explosionsort zu befördern – etwa durch sein weit reichendes Raketenprogramm.
In Israel ist sich jeder, der etwas vom Iran versteht, darüber im Klaren, dass die Iraner kein Volk von traditionellen Israelhassern sind. Im Gegenteil, man weiß, welche Rolle der Iran bei der Flucht und Rettung der irakischen Juden Anfang der 1950er Jahre gespielt hat.“ (…) „Zu den ursprünglichen Partnern des iranischen Atomprogramms gehörte übrigens neben Deutschland auch Israel. Viele Iraner bewundern die Israelis und der traditionelle Hass zwischen Schiiten und Sunniten, ebenso wie der Graben, der Araber und Perser voneinander trennt, verbunden mit dem alten Reflex ‚der Feind meines Feindes ist mein Freund’, spricht eher für eine tiefe iranisch-israelische Verbundenheit. Nicht selten höre ich von iran-stämmigen Israelis, wie sehr sie sich in ihre alte Heimat und Kultur zurücksehnen.
Aber der eigenartige Mix von Hegemonialstreben, religiösen Ambitionen, apokalyptischen Spekulationen, anti-israelischer Martial-Rhetorik und einem hoch entwickelten Nuklearprogramm lassen der israelischen Regierung – ganz unabhängig davon, wer sie nun stellt – viel Spielraum für intellektuelle Differenzierungen. Wir dürfen nicht vergessen: Raison d‘être des Staates Israel ist und bleibt, die Existenz des jüdischen Volkes sicher zu stellen. Dabei ist für uns Nichtjuden nur sehr schwer nachvollziehbar, dass das jüdische Volk bis heute verbal immer wieder in seiner bloßen Existenz in Frage gestellt wird. Für uns Mitteleuropäer gab es (zumindest kollektiv) immer nur eine politische oder ideologische Bedrohung. Für Juden ist das etwas ganz Anderes – und für uns emotional und von den Denkstrukturen her nur sehr schwer nachvollziehbar.
Deshalb kann sich eine israelische Regierung mit nicht weniger begnügen als mit dem absoluten Ausschließen jeder Möglichkeit, dass die Islamische Republik Iran eine Atombombe bekommt.“ (…) „Zudem erscheint gar nicht so sehr ein nuklear aufgerüsteter Iran aus israelischer Perspektive das Problem, als vielmehr die Frage, wie man damit umgehen kann, wenn nukleares Material in die Händen von Terrororganisationen gelangen sollte. Und dann ist da das Gespenst eines unkonventionellen Rüstungswettlaufs zwischen der schiitischen Welt unter der Führung des Iran und der arabischen, mehrheitlich sunnitischen Welt. Man bedenke: Eine mutmaßliche Atommacht Israel war für sunnitische Staaten wie die Türkei, Saudi Arabien oder Ägypten kein Grund, über ein eigenes Atomwaffenprogramm nachzudenken. Erst mit dem Aufstieg einer real vorstellbaren Atommacht Iran hat sich das grundlegend geändert.
Heute denkt man in diesen Ländern laut über die Notwendigkeit eigener Nuklearwaffenprogramme nach.“ (…) „Zum ‚Arabische Frühling’ möchte ich Ihnen einige Beobachtungen und Anmerkungen weitergeben. Einiges habe ich ja schon in der Einleitung angedeutet. Ein zusammenhängendes Bild zu vermitteln ist heute noch kaum möglich. Es gibt viel mehr, was wir nicht wissen, als was wir wissen. Und das, was wir wissen, sind Einzel- oder Puzzleteile, die eher widersprüchlich erscheinen, als einander erklären. Der Arabische Frühling hat deutlich vergegenwärtigt, dass der gesamte arabische Raum, vom Maghreb am Atlantik im Westen bis ins Zweistromland, von der Zentral-Sahara bis hinauf an die Kurdengebiete, ein zusammenhängender Kulturraum ist.“ (…) „Gleichzeitig lässt sich kaum ein Land, kaum eine Region in ihrem Wesen, in ihrer Zusammensetzung, in ihren Herausforderungen und ihrer Entwicklung mit einer anderen vergleichen.
In Ägypten ist es ein Militärregime, das mit der Muslimbruderschaft um die Vorherrschaft ringt. In Libyen sind es drei große Stammesverbände, in Syrien eine Minderheitenkoalition gegen die sunnitische Mehrheit. Am stabilsten erscheinen bislang die Monarchien, die eine westliche Orientierung mit einer religiösen Legitimierung ihres Machtanspruchs verbinden. So leiten etwa König Abdallah II. von Jordanien und König Mohammed VI. von Marokko ihre Herkunft direkt vom Propheten Mohammed ab. Spätestens mit dem Fall von Saddam Hussein im April 2003 ist in der arabischen Welt ein Machtvakuum entstanden. Die Menschen fragen: Wer vertritt uns und unsere Interessen glaubhaft gegenüber der westlichen Welt? In dieses Machtvakuum hinein melden sich Mächte mit uralten, teils aus der Antike stammenden Machtansprüchen zu Wort: Der Iran, die Türkei, Ägypten. Nicht wenige Verhaltensweisen und politische Entscheidungen dieser Spieler im Nahen Osten lassen sich auf diesem Hintergrund erklären. Dazu gehören etwa die antizionistischen Hasstiraden in Teheran, aber auch der propagandistisch motivierte türkische Hilfskonvoi, der Ende Mai 2010 vor der Küste von Gaza ein unrühmliches Ende fand.
Die Kehrtwende in der Politik der Türkei, die jahrzehntelang der engste Partner Israels im Nahen Osten war, ist auf diesem Hintergrund zu verstehen. Nachdem die ‚europäische Option’ für die Türken in immer weitere Ferne zu rücken scheint, orientiert man sich neu in Richtung islamische Welt, erinnert sich daran, wer bis 1917 vierhundert Jahre lang den Nahen Osten beherrscht hat – und meldet diesen alten Herrschaftsanspruch neu an. Die Politik des Westens – vor allem Amerikas – hat in den vergangenen Jahren zu einem spürbaren Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust geführt. Die Rede von Präsident Obama Anfang Juni 2009 an der Al Azhar-Universität in Kairo wurde von nicht wenigen als Annäherung der Amerikaner an die Muslimbruderschaft empfunden. Als die Amerikaner im Februar 2011 ihren treuen Verbündeten von drei Jahrzehnten innerhalb weniger Tage fallen ließen, war jedem Menschen in der Arabischen Welt – ganz gleich welcher politischen oder religiösen Couleur – klar: Auf den Westen ist kein Verlass. Wenn es deren Interessen dient, lassen sie dich fallen wie eine heiße Kartoffel.“ (…) „Nicht erklärterweise, aber de facto, gilt die Unterstützung des von Amerika angeführten Westens im Nahen Osten heute den Gruppierungen, die wir als ‚Muslimbruderschaft’, ‚Salafiten’ und ‚Al-Qaida’ kennen.
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