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    Namenschilder am stillgelegten Bahndamm
| Heinz Reusch, Tiberias

Interview mit Yehuda Lavie

Karkom, ein „neues“ Dorf in den ostgaliläischen Bergen, mit herrlicher Aussicht. Hier hat sich Yehuda Lavie mit seiner Frau Hanna und ihren drei Kindern in den 80er Jahren sein Haus gebaut.

H. Yehuda, warum hast du die Gegend von Tel Aviv verlassen und bist nach Galiläa gezogen?

Y. Zuerst muss ich erklären, dass ich in meinem Armeedienst die meiste Zeit im Süden des Landes gedient habe. Zu lange sah ich Sand und Einöde. Ich wollte Wälder und Felder sehen, das Grün in Galiläa. Ein anderer Grund war, dass ich mit anderen jungen Familien in einer wenig besiedelten Gegend eine neue jüdische Dorfgemeinschaft gründen wollte. Das sollte auch mein zionistischer Beitrag zur Entwicklung des Landes sein. Dazu hat die Schönheit Galiläas gerufen.

H. Dennoch ist der Großraum Tel Aviv das Zentrum des Landes. Dort gibt es Arbeit, eine entwickelte Infrastruktur und Freizeitangebote. Hat dich das nicht interessiert?

Y. Nein, ich wollte gesunde Luft atmen, die Ruhe genießen und außerdem war es mir wichtig, dass meine Kinder weit weg sind von den Gefahren oder den Problemen der Großstadt.

H. Wo bist du aufgewachsen?

Y. Mein Vater kam aus Wien und meine Mutter aus einem Dorf bei Würzburg. Sie haben sich in landwirtschaftlichen Pioniersiedlungen kennengelernt und nach der Staatsproklamation 1948 in einem neuen Dorf bei Tel Aviv niedergelassen. Dort lebte ich bis nach meinem Armeedienst.

H. Wie verdienst du „dein Brot“?

Y. Seit etwa 25 Jahren repariere ich in Bau und Landwirtschaftsmaschinen die Klimaanlagen in den Fahrerkabinen. Übrigens war das auch ein Grund, in den Norden des Landes zu ziehen, denn damals gab es auf dem Gebiet von Klimaanlagen für mechanische, schwere Maschinen fast keinen Kundendienst. Dazu habe ich einen Kastenwagen, ausgerüstet mit vielen Ersatzteilen und allen Werkzeugen für diesen Feldkundendienst. Auch hier sehe ich meinen bescheidenen Beitrag zur Entwicklung Galiläas.

H. Wann war dein erster Besuch in Deutschland? Was war der Grund?

Y. Es war 1992. Der Hauptgrund war: Ich wollte das Dorf und die Gegend sehen, wo meine Mutter lebte, bis sie vor den Nazis floh und Ende 1939 nach Erez Israel kam. Die ersten Kontakte und Begegnungen im Dorf Karbach bei Marktheidenfeld in Unterfranken waren sehr herzlich und echt. Das hat in mir etwas Bedeutendes bewirkt. Das hat noch viel mehr an Interesse geweckt über dieses Dorf mit einer vormals, kleinen jüdischen Gemeinde. Die Tochter von ehemaligen Nachbarn meiner Mutter führte mich durchs Dorf und zeigte mir Häuser, in denen damals Juden wohnten, die alte Synagoge, die Mikwe und den jüdischen Friedhof. Ich war innerlich sehr bewegt. Mit dem wenigen Deutsch, das ich damals konnte, war es mir nicht möglich meine Fragen zu stellen, oder meinem Empfinden in Worten Ausdruck zu geben. Deshalb
nahm ich mir vor, die Sprache zu lernen. Ich wollte diese Leute verstehen, deren Gedanken, aber auch, wie sie über die katastrophale Vergangenheit denken. Mir wurde klar, dass ich hier eine wirre Vergangenheit entdeckte, die gerade auch mir sehr viel bedeutet. Im Laufe der Jahre war ich mehrmals in Karbach. Weitere Menschen habe ich kennengelernt, mein Deutsch wurde besser und die Freundschaften tiefer. Viel Zerbrochenes konnte in den Begegnungen und Gesprächen geklärt und verstanden werden. Da haben wir – Juden und Deutsche, von beiden Seiten – noch Vieles zu tun, damit alte Wunden heilen... Meine Frau und ich beschlossen, dass wir in unserem Haus in Karkom im oberen Stock einige Gästezimmer einrichten, damit wir auch hier im Lande unsere persönlichen Freunde und viele andere Israelfreunde aufnehmen können. Wir wollen nicht nur das schöne Land Galiläa und den Golan anbieten und den Blick zum See, sondern besonders ins Gespräch kommen über die verwundete und verkrustete Vergangenheit und um echte Freundschaften zu festigen für eine interessante Zukunft! Ja, auch in dieser Arbeit, mit diesem bescheidenen Gästebetrieb, den wir nun auch schon einige Jahre betreiben, sehen wir eine gewisse Aufgabe, einen Dienst, der uns aufgetragen ist, zu tun, damit wir als jüdisches Volk mit unseren echten christlichen Freunden, einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Dazu müssen wir zusammenwachsen und einander noch besser verstehen! Ich sehe darin noch einen weiteren zionistischen Beitrag, den wir als Gastgeber wahrnehmen wollen.

Lesen Sie den ganze Interview in der Ausgabe 3/2011.

 

Medienarbeit / Presse