Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, indem er die Palästinenser als „erfundenes Volk“ bezeichnet hat. Der palästinensische Verhandlungschef Saeb Erekat ermahnte Gingrich, erst einmal die Geschichte zu erforschen.
Tatsache ist, dass es den Begriff „Palästinenser“ im heutigen Sinne, als Bezeichnung der Araber des Gebiets „Palästina“, tatsächlich erst seit der PLO-Charta Jassir Arafats von 1968 gibt. In Resolutionen der UNO kommt der Begriff „Palästinenser“ erstmals 1974 vor. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in einer Forschungsarbeit ermittelt, dass auch in offi ziellen Dokumenten der DDR wie der Bundesrepublik die „Palästinenser“ erstmals 1974 erwähnt werden.
Die Aufregung ist also künstlich, obwohl sie üblichen Klischees der Propaganda einen Strich durch die Rechnung macht. So hat der palästinensische Gouverneur von Nablus (Schechem) kürzlich vor Journalisten erklärt, dass Jesus der erste Palästinenser gewesen sei. Das ist eine lächerliche Behauptung, da das Heilige Land, von den Römern als „Judäa“ erobert, erst im Jahr 136 nach Christi Geburt von Kaiser Hadrian in Palästina umbenannt worden ist.
Die Palästinenser wurden 1968 von Jassir Arafat „erfunden“, so wie das biblische Volk der Juden „erst 1897 von Theodor Herzl beim 1. Zionistischen Kongress in Basel erfunden“ worden sein soll. Es geht nicht um die Herkunft oder Geschichte der Völker, sondern um deren Eingliederung in die Familie der modernen Nationen. Entsprechend gibt es „Deutsche“ erst seit gut 200 Jahren und nicht früher. Ob „erfunden“, wie Gingrich behauptet, oder seit Jahrhunderten existent, wie die Palästinenser behaupten, spielt heute keine Rolle.
Die Juden erhielten erst durch die Balfour-Deklaration der Briten 1917 und später durch UNO-Resolutionen eine internationale Legitimation, in „Palästina“ eine „nationale jüdische Heimstätte“ zu gründen. Entsprechend erhielten die Palästinenser dank der PLO-Charta von 1968 die internationale Anerkennung, ein Volk mit Anrecht auf einen eigenen Staat zu sein. 1993, im Rahmen der Osloer Verträge, hat das auch Israel anerkannt.
So wie behauptet wird, dass die Juden kein echtes Volk seien, weil angeblich die europäischen Juden konvertierte Kusaren seien oder die Äthiopier gar nichts mit Juden zu tun hätten, kann man genauso bei den Palästinensern anhand der Hautfarbe und Familiennamen ausmachen, dass viele von ihnen aus dem Sudan, Saudi Arabien oder aus dem Hauran stammen. Manche christliche Palästinenser berufen sich stolz darauf, Nachfahren der vor 1000 Jahren eingefallenen Kreuzfahrer zu sein. Politisch ist das alles irrelevant.
Die modernen „Nationen“ sind erst im Rahmen der europäischen Aufklärung entstanden. Sie sind heute die Grundlage für das weltweit geltende System der Nationalstaaten und der Mitglieder in der UNO. Da spielt es keine Rolle, ob arabische Staaten wie Irak, Syrien und Jordanien künstlich von den Briten geschaffen worden sind oder Frankreich den Maghreb in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen aufgeteilt hat. Heute gilt ein Staatensystem. Dieses in Frage zu stellen, würde bedeuten, dass kein einziger Staat in den beiden Amerikas oder in Afrika eine Existenzberechtigung hätte. Allesamt sind moderne Erfi ndungen. Aber einmal „erfunden“ und anerkannt, gelten sie nun einmal als existent, gleichgültig ob künstlich oder mit uralter Geschichte.


