Bei einer Lehrertagung wurde der Film „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ für den Unterricht ab 16 Jahre von den Filmemachern empfohlen. Fachlehrer hielten diesen Streifen jedoch für unausgewogen, weil er das Nahostproblem nur einseitig und israelfeindlich darstelle. Nachdem ich und viele Fachleute diesen Film angesehen hatten, kamen wir zu derselben Überzeugung. Ich bat den für Schulen zuständigen Bürgermeister unserer Stadt Nürnberg, den Film zu prüfen.
Er empfahl daraufhin seinen Schulen, diesen Film vorläufig nicht als Unterrichtsmaterial einzusetzen, da er ihn für ungeeignet halte. Darauf verklagten die Filmemacher den Bürgermeister und mich beim Gericht. Die Klage wurde vom Landgericht Nürnberg abgewiesen mit dem Verweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes, dem „Recht auf Meinungsfreiheit“. Auch die Berufung wies das Oberlandesgericht am 12.08.2013 mit derselben Begründung zurück. Die Diffamierungskampagnen im Internet gegen den Bürgermeister, den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde und gegen mich lassen auf einen tiefen Hass gegen Israel schließen.
Im Film wird das Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland mit dem Warschauer Ghetto verglichen. Dazu schreibt ein Kommentator im Israelnetz: „Im Warschauer Ghetto ‚lebten‘ 500.000 Menschen auf einer Fläche von neun Quadratkilometern. Diese „Bevölkerungsdichte“ übertrifft jene der am dichtesten besiedelten heutigen Ballungsgebiete um das Doppelte. Die Bewohner wurden nicht nur auf engstem Raum zusammengepfercht, sondern zwecks späterer Ermordung eingesperrt.
Als die Deportationen nach Treblinka begannen, waren bereits 150.000 Menschen den katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto zum Opfer gefallen. Jeder Versuch eines Vergleichs mit palästinensischen „Flüchtlingslagern“ ist im besten Fall abgrundtief dumm, … im schlechteren eine dreiste Verhöhnung der Opfer der Schoa oder abgrundtief bösartig-antisemitisch.“ Ein weiteres Beispiel der Einseitigkeit: Im Film wird ein jüdisches Museum beschuldigt, den Holocaust zu instrumentalisieren, um den Palästinensern Land zu rauben. Selbst der Schirmherr des Films hält ihn für „nicht objektiv und könne einigen Passagen nicht zustimmen“.
Ein weiterer Kommentator im Israelnetz: „Ich habe diesen Film gesehen und war schlicht entsetzt. Es ist kein Film, der in irgendeiner Weise dem Frieden dient, sondern der den Hass gegen Israel anstachelt. Es ist gut, dass über diesen Film jetzt diskutiert wird, bevor er wirklich ohne entsprechende Hintergrundinformation in deutschen Schulen gezeigt wird.“
Die Filmemacher bieten seit Oktober vorigen Jahres denselben Film mit geringen Änderungen unter dem neuen Titel „Liebe Grüße aus Nahost“ an, um ihn in Kirchen und anderswo zu zeigen. Er ist nach meiner Einschätzung weiterhin einseitig und für Schulen ungeeignet.
In Deutschland gibt es eine hervorragende Antisemitismusforschung, daraus einige Beispiele: Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, TU Berlin, spricht von „antisemitischen Klischees, die im Gewand des Anti-Israelismus auftauchen. Man müsse auch nicht das Wort Jude benutzen, um sich antisemitisch zu artikulieren.“ Oder: „Wenn Behauptungen als Fakten dargestellt werden“ (z.B. im Film: das Museum stehe auf ‚geklautem Boden‘ hk), „so sind sie Legitimierungsstrategien der Antisemiten seit über 200 Jahren“.
Die Forscherin fährt fort: „Wir erleben tagtäglich sehr scharfe, sehr harsche Kritik an Israel, und wenn sie nicht in die alten Strategien des Antisemitismus verfällt, dann kommt auch niemand, auch nicht aus der Antisemitismusforschung auf die Idee, dies antisemitisch zu nennen. Aber es gibt eben Menschen, die obsessiv sich auf Israel fixieren. Und das sind leider nicht nur Rechtsoder Linksextremisten, sondern, wie wir in unserer Forschung gezeigt haben, Antisemitismus war und ist immer auch ein Phänomen der Mitte. Also, Bildung schützt nicht vor Antisemitismus. Das wäre ein Vorurteil.“ Zu diesem Ergebnis kam die Linguistin durch die Untersuchung von über 100.000 E-Mails, Leserbriefen und Texten aus dem Internet mit antisemitischem Inhalt und anti-jüdischen Klischees. Die überwiegende Mehrheit der Verfasser gehöre keinem extremen Lager an, sondern sei in der Mitte der Gesellschaft zu finden.
Frau Schwarz-Friesel spricht von „der Täter/ Opfer-Umkehr, d.h. Israelis (die Juden) werden plötzlich zu Tätern stilisiert. Die Antisemitismusforschung spricht hier von ‚Verbal- Antisemitismus‘, bei der alte Klischees und Ressentiments benutzt werden, um Israel zu dämonisieren und zu delegitimieren.“ Diese Diffamierung findet sich ebenfalls im Film. Prof. Samuel Salzborn, Uni Göttingen, erklärt eindeutig: Fakten und Meinung müsse man unterscheiden. „Das Kritisierte muss an Fakten gemessen werden können. Tut man dies nicht, übt man keine Kritik, sondern äußert eine unreflektierte Meinung.
Und der Übergang von Meinung zum Ressentiment, von dem sich Kritik abgrenzen müsste, ist fließend.“ Weiter: „Der Ausgangspunkt aller Diskussion über Kritik an Israel kann doch nur sein: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, die seit ihrer Gründung ununterbrochen angegriffen wird und sich gegen die Angriffe verteidigt – wie jede andere Demokratie dies auch tut oder tun würde.“
Schwarz-Friesel und Salzborn stellen übereinstimmend fest: „Der Begriff Antisemitismus wird heute nicht mehr auf die religiöse Diskriminierung beschränkt. Das ist im Sprachgebrauch längst nicht mehr der Fall. Heute wird darunter die pauschale Verunglimpfung der Juden als Ethnie und Israelis als Volk verstanden.“
Im Film findet sich der Satz: „Die Israelis sind schuldig in jeder Hinsicht!“ Er richtet sich undifferenziert gegen Israel, den Judenstaat. Auf den Internetseiten rechtsextremer Blogs wird nicht zwischen Israel und Juden unterschieden. Vor Gewaltbereitschaft warnt der Bielefelder Professor Andreas Zick, der sich auch „Vorurteilsforscher“ nennt: „Antisemitismus, auch wenn er nur latent ist, bleibt immer Wegbereiter vom Wort zur Tat.“ Prof. Dr. Werner Bergmann, TU Berlin: „Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden (innerhalb und außerhalb Israels, hk) die Ursache aller Probleme sieht.“
Der arabische Israeli Ahmad Mansur, Berlin, Studium in Tel Aviv, sagte in seinem Interview mit dem Israelreport: „Im Nahostkonflikt wird ein Bild vermittelt, das sehr schwarz-weiß ist: Die Palästinenser sind immer die Opfer, Israelis und Juden – meist wird nicht unterschieden – immer die Schuldigen.“ Islamistischer Antisemitismus in Deutschland und Nahost spiegele sich u.a. durch ein falsches Israelbild in den Schulbüchern wieder. Bei Gesprächen mit Jugendlichen stelle er fest, „dass in vielen muslimischen Familien bis jetzt Judenhass vorgelebt würde – häufig gestützt von arabischen Fernsehsendern, die ihre antisemitischen Kampagnen weltweit verbreiten.“
Yaakov Hadas-Handelsman, Botschafter des Staates Israel in Deutschland, bringt es auf den Punkt: „Kritik an Israel ist legitim, aber sie muss konkret und darf nicht obsessiv sein. Wissen Sie, von wem Israel tagtäglich am meisten kritisiert wird? Von den Israelis!“
von Hansjürgen Kitzinger
Vorsitzender vom Arbeitskreis „Suchet der Stadt Bestes“, Nürnberg


