Nwz Gastkolumne zu den Hamas-Angriffen auf Israel: Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Hunderte Raketen feuerten die Machthaber im Gazastreifen zu Wochenbeginn auf Israel. Wer nun glaubt, die israelische Reaktion sei überzogen, kennt die realen Möglichkeiten der Armee nicht - und ignoriert die ethischen Überzeugungen, die im Land herrschen, schreibt NWZ-Kolumnist Arye Sharuz Shalicar.

08.05.2019 | von von Arye Sharuz Shalicar, Jerusalem, Israel

Nach Hunderten Terror-Raketen auf Israel: präziser Luftschlag auf terroristische Infrastruktur in Gaza. Bild: DPA

Jerusalem „Bombadieren!“, „Besetzen!“, „Dem Erdboden gleich machen!“. Diese und andere, teilweise härtere Vorschläge, wie Israel denn mit Gaza und den Terroristen dort umgehen sollte, erhalte ich täglich in meiner Inbox. Ich versuche, auf jede Empfehlung kurz zu antworten und wenn die Zeit es zulässt zu erklären, dass theoretisch alles denkbar, praktisch jedoch vieles nicht umsetzbar ist. Das hat verschiedene Gründe, der Hauptgrund aber, warum Israel nicht im Gazastreifen „volle Kanne einreitet” und seine haushohe militärische Überlegenheit auskostet, ist ein menschlicher.
Denn nichts wäre einfacher für Israel und die Israelische Armee (IDF), als nach jedem Beschuss von Terroristen aus dem Gazastreifen innerhalb weniger Sekunden alles im Umkreis von genau diesem Abschussort in Schutt und Asche zu legen. Nach nur wenigen Tagen gäbe es wahrscheinlich keine sichtbaren Terroristen mehr. Die letzten würden sich in ihre selbstgebuddelten Terrortunnel verkriechen und sich vor lauter Angst nur noch in die Hosen machen, während sie um ihr Leben fürchten. Es gäbe endlich Ruhe. Jedoch wäre der Preis für solch eine Reaktion von Seiten Israels, zivile Opfer: Frauen, Kinder, Unschuldige. Viele Regierungen und Staatsoberhäupter würden genau das in Kauf nehmen, wenn ihre Bevölkerung in Lebensgefahr ist. Denn warum sollte man das Leben der eigenen Leute weiter gefährden, während man aus Sorge um zivile Opfer auf der Gegenseite zaghaft und mit der Pinzette vorgeht?

Der jüdische Staat sieht das anders. Das hat natürlich mit der eigenen, äußerst schmerzhaften Vergangenheit zu tun. Zwar ist die Lehre aus dem Holocaust „nie wieder Opfer“ sein zu wollen, was aber unter keinen Umständen bedeuten soll, dass man bereit ist, andere Menschen zu Opfern zu machen. Diese Einstellung ist hier ganz tief verwurzelt, auch in den allerhöchsten Rängen der Armeeführung, der Sicherheitsorgane und der Politik.
Hamas und der Islamische Dschihad wissen das natürlich und nutzen diese jüdische „Schwäche“ skrupellos aus. Was könnte man auch sonst von radikalislamischen Terrorbanden erwarten? Ich meine, welche andere Chance haben sie gegen eine haushoch überlegene High-Tech-Kultur, um überhaupt irgendeinen Erfolg nach Hause zu bringen, wenn nicht aus der Deckung von palästinensischen Zivilisten vollkommen wahllos auf zivile Wohngegenden in Israel zu schießen, um einerseits Israelis zu töten, andererseits, um den Feind zu zwingen zurückzuschlagen und unbeabsichtigt vorgeschobene Zivilisten zu treffen, die dann auf allen Zeitungen und Fernsehsendern der Welt zu sehen sind? Es ist ein fieses und mieses Spiel, welches sich wiederholt und das Hauptproblem der asymmetrischen Kriegführung darstellt. Es gibt keine einfachen Antworten darauf. Israel weiß das und schiebt das „Problem Gaza“ weiterhin vor sich her und nimmt in Kauf, dass es jederzeit wieder zu einer Eskalation kommen könnte.

Jederzeit heißt jederzeit! Sogar während Sie diese Zeilen hier lesen. Denn wir befinden uns in turbulenten Zeiten. Eigentlich nichts neues, denn es geht mittlerweile überall auf der Welt ziemlich turbulent zu. Aber die Knappheit an finanziellen Mitteln bei den Terrorbanden im Gazastreifen und ihrem Hauptförderer, dem iranischen Regime, das selbst mit wirtschaftlichen Sanktionen von Seiten der Amerikanern leben muss, könnte wieder dunkle Wolken am Himmel auftauchen lassen. Außerdem will Israel seinen 71 Unabhängigkeitstag und kurz darauf den in Tel Aviv stattfindenden Eurovision Song Contest feiern. Ich bleibe dennoch optimistisch. Netanjahu und der Generalstabschef Kochavi werden nämlich beim nächsten Beschuss aus Gaza, keine andere Wahl haben, als die israelische Abschreckung der Hamas und des Islamischen Dschihads wieder herzustellen. Auch das wissen die Terrorchefs. Wenn ich mich in ihren Schuhen befände, würde ich die kommenden zwei Wochen nicht einen Mucks von mir geben.

Quelle: Nordwestzeitung (Nwz)


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