Kontinuität und Neuland

24.04.2013 | von Pfr. Matthias Franke, Dennheritz
Dr.Henok und Benna unterm Regenbogen

Dr.Henok und Benna unterm Regenbogen

Omo child – sie haben die Mingitradition überlebt

Omo child – sie haben die Mingitradition überlebt

Dr. Henok mit Mingikind, dem die Mutter alle Zähne gezogen hat

Dr. Henok mit Mingikind, dem die Mutter alle Zähne gezogen hat

Speed School

Speed School

Brunnen bei den Benna

Brunnen bei den Benna

Im November 2012 stand nun meine 15. Reise nach Äthiopien an. Jede Reise setzt sich zusammen aus Kontinuität und Neuland. So will ich mit dem beginnen, was nun seit einiger Zeit immer auf dem Besuchsprogramm steht. So stand diesmal mein Besuch in Gondar ganz am Anfang meiner Besuchsliste. Die Situation unter den Falascha (Menschen mit jüdischem Hintergrund) ist gekennzeichnet von Bangen und Hoffen und wie schon seit langer Zeit von Ungewissheit.

Seit einiger Zeit läuft die Operation „Schwingen der Taube“. Dies bedeutet für einige Falasch Mura, dass sie nicht umsonst auf die Papiere zur Einwanderung nach Israel gehofft haben. www.israelnet.com berichtete am 30.10.2012 unter der Überschrift: „Operation `Schwingen der Taube´ – Äthiopische Juden kommen nach Israel“ darüber. Dort wird der Vorsitzende der Jewish Agency, Natan Scharanski, zu dieser Operation zitiert und er nennt sie „ein Wunder“. „Zusammen schreiben wir die letzte Seite in der Geschichte des äthiopischen Judentums. Wir bringen nun all unsere Brüder von Afrika nach Israel.“

Natürlich hoffen nun alle Betroffenen, dass auch sie unter denen sind, die nach Israel emigrieren können und deshalb ist es verständlich, dass sich niemand darauf einlassen will, vorher noch einen Neustart in Äthiopien zu versuchen. So liegen die Überlegungen über Woleka auf Eis und es ist nicht sicher, ob es zu einer Wiederbelebung der Pläne kommt. Aber nach Abschluss der Operation werden Menschen zurückbleiben, die weiter hoffen, aber die vermutlich noch lange, wenn nicht für immer in Äthiopien bleiben werden. So wird sich die Hilfe vorerst auf einzelne Familien der Falascha beschränken. In Addis Abeba habe ich eine Familie besucht, der wir vor zwei Jahren geholfen haben, ein Geschäft zu eröffnen und ich war sehr erfreut, zu sehen, dass die Familie nun eine gesicherte Existenz hat.

Relativ viel Zeit kostete mich in Gondar der Versuch, dem schwer behinderten Straßenjungen Haile zu helfen. Sein Rollstuhl, den ihm vor Jahren Touristen geschenkt hatten, war nicht mehr zu gebrauchen. So waren zwei Tage damit ausgefüllt, für ihn einen neuen Rollstuhl aufzutreiben und eventuell eine Unterkunft zu finden.

Das erste ist uns nach vielen Mühen gelungen, das zweite ist uns nach vielen Mühen nicht gelungen. In eine Hütte abseits, wo ihn niemand kennt und er allein in einem dunklen Zimmer sitzt, wollte er aus verständlichen Gründen nicht. So zog er seinen Hauseingang in der Mitte der Stadt, wo er die Leute kennt, vor. Der Bürgermeister versprach uns, sich zu kümmern.

Am letzten Tag hatte ich in Gondar noch eine neue Erfahrung. Ein Polizist forderte mich auf, in die Polizeistation zu kommen. Es löst ja nicht immer nur gute Gefühle aus, wenn man aufgefordert wird, in eine Polizeistation zu kommen. Umso froher und überraschter war ich, dass sich die Polizei bei mir dafür bedankte, was ich für die Ärmsten der Stadt täte. Und sie versprachen mir auch, darauf zu achten, dass Haile niemand die Dinge stiehlt, die wir ihm gegeben hatten.

Nun zum Neuen: Mehrere wichtige und eindrückliche Erlebnisse hatte ich mit meinem Freund Dr. Henok. Bei meinen früheren Reisen war ich fast immer mit ihm unterwegs und es waren immer sehr bewegende Erlebnisse, die wir miteinander teilen konnten. Vor allem waren es Versöhnungskonferenzen, die ich zusammen mit ihm erlebt habe.

So war es mein Wunsch, wenn es möglich wäre, wieder einmal mit ihm unterwegs zu sein. Eigentlich wage ich es kaum, ihn zu bitten, da ich weiß, dass sein Arbeitspensum das mehrerer fleißiger Leute ist. Dr. Henok hat es aber möglich gemacht und mich einen Teil seiner neuen Arbeit sehen lassen und mir dabei eine Überraschung versprochen. So waren wir fünf Tage im Südwesten Äthiopiens unterwegs.

Zunächst ging es mit dem Flugzeug nach Arba Minch. Leider mussten wir dort länger als geplant auf unser Auto warten. Durch heftige Regenfälle war die einzige große Straße in dieses Gebiet wegen eine kaputten Brücke unpassierbar geworden, so dass wir eine Nacht warten mussten, bevor es weitergehen konnte. Ziel unserer Reise war Jinka. In Arba Minch stieß Freo zu uns. Er ist Evangelist und zuständig für die Arbeit in den fünf größten Gefängnissen im Süden.

Obwohl wir auf der größten Straße unterwegs waren, mussten wir an einigen Stellen mit unserem Toyota-Bus durch den Fluss, um vorwärts zu kommen. Jinka ist die größte Stadt bevor man ins Touristengebiet des Omo-River aufbricht. Dort leben die Stämme der Karo, Benna, Mursi, Hamar, Bodi u.a., deren Besuch auf vielen Touristenreisen stehen. Jinka hat 25.000 Einwohner und wird gerade ans Asphaltstraßennetz angeschlossen.

Neben den von Dr. Henok betreuten Projekten besuchten wir ein anderes, sehr beeindruckendes Hilfsprojekt in Jinka. In den Stämmen der Karo, Benna und Hamar gibt es die sogenannte Mingitradition. Diese beinhaltet, dass Kinder als Segen oder Fluch bringend betrachtet werden. So gelten Kinder u.a. als Fluch bringend, wenn deren Zähne zuerst im Oberkiefer kommen. Die Folge der Mingitradition ist, dass Kinder, die als Fluch bringend betrachtet werden, von der Gemeinschaft umgebracht werden müssen.

Diese Tradition ist zwar vom Staat verboten, aber die jahrhundertealten Praktiken werden immer noch angewandt. So besuchten wir zuerst in Jinka das Haus der Organisation „Omo Child“. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen die Mingitradition zu kämpfen, Aufklärungsarbeit zu leisten und betroffene Kinder möglichst zu retten.

So besuchten wir ein Haus, in dem 37 Kinder betreut werden, die vor der Mingitradition, also vor dem Tod bewahrt wurden. Diese wachsen nun gemeinsam auf, bekommen Essen, Kleidung, Unterkunft, Fürsorge und später eine Ausbildung. Der Stamm der Karo hat im vergangenen Sommer offiziell die Mingitradition für beendet erklärt, aber andere praktizieren sie noch immer. [...]

Lesen Sie den ganzen Beitrag in der Ausgabe 1|2013.


Äthiopien, Reisebericht
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