Handwerkereinsatz zur Sanierung der Kindergräber auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde Chemnitz

28.10.2019 | von Ein Bericht von Andreas Flemming, Chemnitz

© Fotos: Archiv SIF; Alle Handwerker haben ihre Zustimmung zur Veröffentlichung der Bilder erteilt. Bildrechte Dritter bestehen nicht.

Die Jüdische Gemeinde Chemnitz hatte über eine Spendenaktion Geld gesammelt, um einen großen Teil von Grabstellen ihres unter Denkmalschutz stehenden Friedhofs durch Fachleute sanieren zu lassen. Jedoch konnte der Bereich der Kindergräber wegen fehlender Mittel nicht realisiert werden, da die nach der Wiedervereinigung neu errichtete Chemnitzer Synagoge schwerwiegende Baumängel aufweist, deren Beseitigung Vorrang hat und alle Finanzen in nächster Zeit binden wird. Dies hätte bedeutet, dass 42 Gräber jüdischer Kinder, deren Grabsteine – mit und ohne Fremdeinwirkung – umgefallen waren, unsaniert liegen geblieben wären. Das war für uns Grund genug, aktiv zu werden.

Es gab schon viele Ideen, die Jüdische Gemeinde in Chemnitz bei der Sanierung ihres Friedhofs zu unterstützen, doch viele Aufgaben in Israel – wie die Heime und Wohnungen von Holocaustüberlebenden zu sanieren – ließen eine Ausweitung der Handwerkereinsätze der Sächsischen Israelfreunde e.V. auf dem Gelände der unter Denkmalschutz stehenden Anlage nicht ohne Weiteres zu. Einfach war der Start nicht, doch der Ewige Israels führte uns offensichtlich in „die richtigen Bahnen“. So entwickelte sich eine Initiative mit Handwerkern der Region, die bereits mehrfach in Israel waren oder denen dieser Dienst ein Herzensanliegen war. Nach fast 100 Jahren brauchten die Grabsteine von 42 Kindergräbern dringend ein neues Fundament, weil Vandalismus unbekannter Antisemiten, aber auch die Witterung im Laufe der Zeit zu erheblichen Schäden geführt hatten. Jedoch ganz so einfach war es nicht, weil der Vorstand der Jüdischen Gemeinde dazu erst einen Beschluss fassen musste. Eine erneute Ortsbegehung unter Beteiligung des sächsischen Landesrabbiners Zsolt Balla aus Leipzig, der Leiterin der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, Frau Dr. Ruth Röcher, dem Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, Herrn Lars Ariel Dziuballa, Herrn Udo Mayer vom Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde Chemnitz e.V. sowie dem Friedhofsverwalter, Herrn Maik Kononow, brachte den Durchbruch. Ein Steinmetz erklärte sich auch bereit, die Arbeiten fachlich anzuleiten.

Am 16. Oktober 2019 konnten die Sanierungsarbeiten endlich beginnen, doch als Organisator hatte ich mächtige „Bauchschmerzen“, denn der Wetterbericht sagte nichts Gutes für die kommenden Tage voraus. Es regnete die ganze Nacht hindurch intensiv und sogar noch auf der Hinfahrt zum Jüdischen Friedhof, doch die folgenden Tage waren alle sehr mild und niederschlagsfrei. Zum Schutz des Anwesens war dessen Einfahrt durch einen Streifenwagen unserer sächsischen Polizei verstellt. Als wir den Beamten unser Anliegen erklärten, gewährten sie uns bereitwillig die Zufahrt. Nach dem Attentat in Halle in der Woche zuvor wurden wieder verstärkte polizeiliche Schutzmaß­nahmen durchgeführt, so die Aussage eines Beamten. Es ist für mich einfach abscheulich und nicht nachvollziehbar, dass man offensichtlich in Deutschland erneut nicht einmal als toter Jude auf einem Friedhof in Frieden ruhen kann.

Bedingt durch den Regen der Nacht war der gesamte Bereich E der Kindergräber durch eine dicke Laubschicht bedeckt, die zuerst einmal beseitigt werden musste. So machten sich Christine und Gunter Vogel, Uwe Maneck, Macus Zenner, Andreas Weiß, Udo Mayer, Maik Kononow, ein Sozialdienstleistender sowie meine Wenigkeit an die Arbeit.

In den folgenden fünf Tagen wurden die Gruben für die Betonfundamente ausgehoben, Schalarbeiten durchgeführt und 42 Fundamente neu betoniert. Von der Gebrüder Preiß Betonsteinwerk & Baustoffhandlung Chemnitz bezogen wir zwei Tonnen Fertigbeton, die wir im PKW-Anhänger portionsweise á 500 Kilo zum Friedhof fuhren. Firmenchef Thomas Preiß hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, den erforderlichen Beton kostenfrei für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen. Parallel begannen wir mit der Reinigung der verwitterten und zum Teil mit Moos bewachsenen Grabsteine sowie mit dem Einbringen der Bohrlöcher in die Grabsteine zur Aufnahme der Armierung. Die Zusammenarbeit lief reibungslos und wie geplant. Es war zu spüren, dass es allen am Einsatz Beteiligten ein Anliegen war, die steinernen Zeugen der langen Geschichte jüdischen Lebens unserer Stadt Chemnitz für die Nachwelt zu erhalten und das ehrende Andenken der Toten zu wahren. So war es dann am 25. Oktober für uns alle ein schöner Anblick, unter den Bäumen mit ihrer Laubfärbung und angestrahlt vom Sonnenlicht, alle 42 Kindergrabsteine wieder aufrecht stehend zu sehen. So bleibt mir nur, allen Beteiligten ein herzliches Dankeschön für ihren hervorragenden Einsatz zu sagen. Schalom!

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