Ein Besuch im Flüchtlingslager

Laut dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) gibt es in den palästinensischen Autonomiegebieten 27 Flüchtlingslager. Deheische im Westjordanland ist eines davon. Rund 13.000 registrierte Flüchtlinge leben dort – und hoffen auf eine Rückkehr zu den Wohnstätten ihrer Vorfahren.

23.02.2015 | von Mirjam Holmer, Jerusalem
Im Flüchtlingslager Deheische leben rund 13.000 Palästinenser. Foto: mh, Israelnetz

Im Flüchtlingslager Deheische leben rund 13.000 Palästinenser. Foto: mh, Israelnetz

Dicht aneinander gebaute graue Häuser säumen die engen Gassen im Flüchtlingslager Deheische, das im Südosten Bethlehems liegt. Es gibt keine Parks, Spiel- oder Marktplätze. Einzelne Kioske stehen an den Straßen, außerdem stehen Männer, Kinder oder alte Frauen am Rand und verkaufen Zigaretten, Kaffee, Obst oder Gemüse. Wäsche zum Trocknen hängt zwischen den Häusern auf der Leine. Überall liegt Müll, Kinder spielen und alle paar Minuten geht ein Böller in die Luft. Doch das scheint niemanden zu stören, man ist daran gewöhnt. Die Menschen wohnen dicht zusammengepfercht. Auf der Straßenseite, die das Lager vom Rest der Stadt trennt, stehen leere Neubauten sowie luxuriöse neu bezogene Häuser. Es ist eine verrückte Welt; neben alten, fast auseinander fallenden Renaults fahren schicke BMW durch die Straßen.

Christen im benachbarten Bethlehem schielen neidisch auf das Lager: „Die haben soviel Geld da drüben. Ihr Europäer kommt und finanziert denen ihren Luxus. Es ist doch kein Geheimnis, dass manche nur eine Wohnung im Lager behalten, um Vergünstigungen zu bekommen. In Wirklichkeit aber leben sie in schönen Häusern bei uns in der Stadt oder in Ramallah.“ Im Lager selbst, in dem ausschließlich Muslime leben, heißt es hingegen: „In Bethlehem geht es den Menschen gut. Christen aus der ganzen Welt bringen denen so viel Geld, einfach, weil sie Christen sind. Uns Muslime mögt ihr im Westen nicht. Deshalb leben wir im Elend.“

Führungen über die Geschichte des Lagers

Schadi arbeitet für eine palästinensische Nichtregierungsorganisation, die Touristen ein alternatives Programm bieten möchte. Der Mittdreißiger ist im Lager „Deheische“ geboren und aufgewachsen, betont aber, dass seine Familie aus Adschur kommt, einem Dorf nahe dem heutigen Beit Schemesch in Israel. Seine Großeltern seien damals vertrieben worden. Schadi führt Touristengruppen aus aller Welt durch das Lager: „In diesem Lager wohnen Araber, die 1948 während des arabisch-israelischen Krieges geflohen sind. Erst gingen sie zu Freunden und Verwandten in die Stadt, nach einiger Zeit zogen sie aus den Städten in die Lager, sie wollten ihren eigenen Wohnraum. Flüchtlinge aus 45 Dörfern um <dfn>Hebron</dfn> und Jerusalem fanden im Lager Deheische Zuflucht. Ursprünglich war es für 3.400 Bewohner geplant, heute leben etwa 13.000 Menschen hier. Zumindest sind so viele beim Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) registriert, die das Land von der jordanischen Regierung gepachtet hatten.“ Nach UNRWA-Angaben sind etwa 40 Prozent unter 14 Jahre alt. Hauptprobleme des Lagers sind die hohe Arbeitslosigkeit, ein veraltetes Abwassersystem und nur zwei überfüllte und schlecht ausgestattete Schulen.

„Es gibt etwa 160 UN-Mitarbeiter hier im Lager“, erzählt Schadi. „Doch wir Palästinenser bezeichnen die UN als United Nothings (vereinigte Niemande), weil sie nichts für uns Palästinenser tun.“ Schadi berichtet von unhaltbaren Zuständen, vor allem nach Gründung des Lagers, in den 1950er und 60er Jahren. Schuld an der Misere der Lagerbewohner sei vor allem die Besatzung der Israelis. Kein Wort davon, dass im erwähnten Zeitraum die Jordanier das Lager verwalteten. An seine jungen deutschen Zuhörer gewandt, erzählt Schadi: „Ich war in 28 verschiedenen Ländern, allein in Deutschland sechsmal, aber noch nie durfte ich nach Jerusalem.“

Bevor die Führung zu Ende geht, verweist der sympathische Mann auf die „Intifadazeitung“ an den Hauswänden: in krakeliger Schrift sind Parolen in rot, grün und schwarz aufgemalt. Jede Farbe steht für eine palästinensische Organisation mit unterschiedlichen politischen Zielen. Rot ist am häufigsten vertreten, es ist die Farbe der militärischen „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP).

Märtyrer und Häftlinge als Helden der Gesellschaft

Außerdem hängen an den Hauswänden überall Poster und Graffiti von Männern. Das sind die Gefangenen und „Märtyrer“ des Lagers. Jeder, der in israelischer Haft sitzt oder durch Israelis zu Tode gekommen ist, wird als Held gefeiert. Weiter gibt es unzählige Graffiti, auf denen beispielsweise geschrieben ist: „Jerusalem gehört uns“ oder „Wir werden zurückkehren“. Gemeint ist die Rückkehr der einzelnen Flüchtlinge in die Dörfer und Häuser, aus denen sie oder ihre Vorfahren 1948 geflohen sind. Diese Forderung wird von der UNRWA und den meisten Palästinensern weltweit bis heute aufrecht erhalten. Israel wehrt sich dagegen, weil es bedeuten würde, dass über vier Millionen Nachfahren der damaligen Flüchtlinge aus aller Welt nach Israel zurückkehren könnten, von den knapp viereinhalb Millionen Palästinensern im Gaza-Streifen und Westjordanland ganz abgesehen. Das würde das Ende des jüdischen Staates bedeuten.

Dass die Männer auf den Postern vielfach mehrere Menschenleben auf dem Gewissen haben, wird von den Lagerbewohnern meist euphemistisch bewertet: „Das war der rechtmäßige Kampf gegen die Besatzung.“ Begriffe wie Soldat, Zionist, Jude und Israeli werden im Arabischen im Alltag synonym gebraucht, und so verwundert es auch in Deheische nicht, dass plötzlich von dem Märtyrer die Rede ist, der für einfaches Steinewerfen auf die Soldaten gefangen genommen wurde. Eine alte Frau sagt: „Die sechs Millionen Juden, die in Europa gestorben sind, haben uns hier eine Menge Ärger beschert. Dabei weiß gar niemand recht, ob es vielleicht nur fünf Millionen waren.“

Quelle: http://www.israelnetz.com/hintergrund/detailansicht/aktuell/ein-besuch-im-fluechtlingslager-91177/


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