Israel aktuell
Weg nach Harmaggedon?
Die Ideologie des Mahmud Ahmedinedschad
von Johannes Gerloff, 18.7.07
Die islamische Revolution im Jahr 1979 war von messianisch- endzeitlichen
Erwartungen begleitet. Das Volk gab Ajatollah Ruhollah Chomeini den Titel
"Imam", der bis dahin den zwölf direkten Nachfahren von Ali Ibn Abi Talib,
dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vorbehalten war. Die Imame,
so glauben schiitische Muslime, hatten eine besondere göttliche Berufung
und dadurch auch eine einzigartige Begabung, die Gläubigen zu führen.
931 nach Christus verschwand der zwölfte und letzte Imam, Mohammed
al-Mahdi, spurlos. Seitdem fehlt der schiitischen Glaubensgemeinschaft die
direkte göttliche Leitung durch einen Imam - und seitdem erwarten Schiiten
die Rückkehr des "Mahdi". Wenn dieser zwölfte Imam erscheint, so die
schiitische Lehre, werden alle Übel dieser Welt behoben und göttliche
Gerechtigkeit eingerichtet. Die gesamte Menschheit wird die Wahrheit des
schiitischen Islam anerkennen und sich ihr unterwerfen. Bis zur Offenbarung des
verborgenen Imams fungieren hohe schiitische Geistliche als seine Vertreter und
regeln religiöse und rechtliche Fragen der schiitischen Gemeinschaft.
Chomeini predigte die Mahdi-Erwartung, und dass die schiitische
Glaubensgemeinschaft die Offenbarung des Mahdi nicht nur passiv abwarten,
sondern auch aktiv vorbereiten solle. Aber seiner Zeit hatten diese
Vorstellungen keine konkreten politischen Auswirkungen. Die Nachfolger Chomeinis
auf der politischen Bühne, Ali Akbar Haschemi Rafsandschani (1989-1997) und
Mohammed Chatami (1997-2005), bemühten sich um eine strikte Trennung von
Politik und Mahdi-Erwartung. Mit der Wahl von Mahmud Ahmedinedschad zum
Präsidenten der islamischen Republik Iran im August 2005 wurden diese
apokalyptisch-messianischen Vorstellungen erstmals zu einer politischen Macht.
Bereits im Januar 2005 hatte Irans höchster Führer, Ajatollah Ali
Chamenei, verkündet: "Heute ist die Zeit, um die Bedingungen zu schaffen,
die eine Herrschaft des Imam Mahdi, möge Allah seine edle Erscheinung
herbeiführen, ermöglichen." - Den Vorstellungen iranischer Schiiten
zufolge wird der zwölfte Imam bei seiner Offenbarung durch die Boulevards
von Teheran ziehen - was Mahmud Ahmedinedschad als Bürgermeister bei seinen
städtebaulichen Planungen berücksichtigte. Er wird die heilige Stadt
Qom besuchen - weshalb Ahmedinedschad als Präsident die Dschamkaran-Moschee
in Qom renovieren ließ. Wer an die Wiederkunft des Mahdi glaubt, bereitet
sich auf sie vor. In einer Rede in der Provinz Kerman verkündete der
iranische Präsident im Mai 2007: "Wir haben eine Mission - den Iran in das
Land des verborgenen Imam zu verwandeln."
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Chatami, der das islamische
Revolutionsregime der Realität anzupassen suchte, ist Ahmedinedschad
Idealist. Er glaubt an das Erbe des Ajatollah Chomeini. Mahmud Ahmedinedschad
ist ein Kind der islamischen Revolution. Er verkörpert den
Generationswechsel von den Vätern der Revolution zu den Söhnen der
Revolution. Damit ist kein grundlegender Wandel der Ideologie verbunden.
Vielmehr will diese zweite Revolutionsgeneration die Reinheit der
ursprünglichen Lehre wieder herstellen. Ahmedinedschad und seine
Weggeführten sind Veteranen der Revolutionsgarden. Durch diese Erfahrungen
und Verbindungen hat er viel mehr Macht als seine Vorgänger.
Der persönliche Mentor des iranischen Präsidenten ist Ajatollah
Mohammed Taqi Misbah Jasdi, ein exponierter Anhänger der
messianisch-apokalyptischen Vision von der künftigen Weltherrschaft des
Mahdi. Nach Ansicht dieser Schiiten gibt es in jeder Generation einmal die
Möglichkeit für eine Rückkehr des mystischen Imams. Jasdi
vertritt, dass "die gegenwärtige Schlacht gegen die Ungläubigen,
Irrlehren und 'die weltweite Arroganz' [d.i. den Westen] die Offenbarung des
zwölften Imam vorbereitet und beschleunigt."
Ähnlich alttestamentlich-jüdischen Vorstellungen von "Gog und Magog"
oder neutestamentlich-christlichen Lehren über "Harmageddon" geht auch dem
Erscheinen des islamischen "Messias" ein weltweites Blutvergießen voraus.
Eine Völkerschlacht kündigt das Kommen des zwölften Imam an.
Muslime können, so die Überzeugung der Mahdi-Gläubigen, durch ihr
Verhalten den Advent des Mahdi beschleunigen oder hinauszögern.
Wenn in der Welt Ordnung herrscht, hat der Mahdi keinen Grund, wiederzukommen.
Deshalb suchen Leute wie Jasdi oder Ahmedinedschad einen Konflikt der
Zivilisationen und die Konfrontation, oder zumindest suchen sie einen Weltkrieg
nicht zu verhindern. Großajatollah Chomeini beispielsweise wird von ihnen
beschuldigt, die Rückkehr des zwölften Imams verhindert zu haben, als
er sich 1988 auf einen Waffenstillstand mit dem Irak einließ. Denn erst
wenn die Bedrängnis auf Erden so groß ist, dass der Mahdi seine
Barmherzigkeit nicht mehr zurückhalten kann, wird er zur Offenbarung seiner
Herrschaft getrieben.
Mahmud Ahmedinedschad hat im Rahmen seines Wahlkampfes nicht nur offen davon
geredet, das Kommen des Mahdi vorbereiten zu wollen. Er legte sich auch konkret
fest. Im Dezember 2006 wünschte er in einer Rede in Kermanschah den
Christen ein frohes Weihnachtsfest und meinte: "Ich verkünde hiermit, dass
- mit Gottes Hilfe - der Tag nicht fern ist, an dem Jesus an der Seite des
verborgenen Imam zurückkehren wird." Seine Politik legitimiert er durch die
unmittelbar bevorstehende Wiederkunft des Mahdi und behauptet, in direktem
Kontakt mit Gott zu stehen.
In der Vergangenheit hatten schiitische Gelehrte jeden unterdrückt, der
vorgab, einen direkten Kontakt mit dem verborgenen Imam zu haben. Jetzt
behauptet Mahmud Ahmedinedschad öffentlicht, in persönlichem Kontakt
mit dem mystischen, verschollenen Schiitenführer zu stehen. Der Mahdi habe
ihm die Präsidentschaft vorausgesagt, und jetzt treffe er sich
regelmäßig alle zwei Wochen mit ihm. Ahmedinedschad scheut sich nicht
vor konkreten Festlegungen. So gab er bekannt, der zwölfte Imam habe ihm
gesagt: "In den nächsten zwei Jahren werde ich zurückkehren und den
Gläubigen Gerechtigkeit bringen."
Unverkennbar war das göttliche Sendungsbewusstsein Mahmud Ahmedinedschads,
als er berichtete, wie er seine eigene Rede 2005 vor der Generalversammlung der
Vereinten Nationen erfahren hatte. Gebannt hätten die 190 Vertreter der
Weltgemeinschaft seinen Ausführungen zugehört, während er eine
göttliche Gegenwart auf sich ruhen fühlte. Mahmud Ahmedinedschad redet
ohne Scheu von "einen Heiligenschein" oder einer "Aura", die er um seinen Kopf
gehabt habe, während der verborgene Imam selbst sich auf seine rechte
Schulter gelehnt und ihm gesagt habe, was er den UNO-Vertretern verkünden
solle.
Natürlich sind derartige Gedankengänge auch innerhalb der schiitischen
Gemeinschaft selbst nicht unumstritten. Nicht alle Schiiten im Iran glauben,
dass man einen Krieg anzetteln müsse, um das Kommen des Mahdi zu
beschleunigen. Viele, die mit einer tatsächlichen Wiederkunft des
zwölften Imam rechnen, gehen davon aus, dass man einfach warten solle, bis
sich die von Allah bestimmte Zeit erfüllt.
Die heilige Stadt Qom ist eine Eliteschmiede und hat für den schiitischen
Iran in etwa die Bedeutung, wie die Universitäten Oxford oder Cambridge
für Großbritannien oder die Kaderschmieden Harvard und Princeton
für die USA. Von den etwa 90 Schulen in Qom dürften es
Einschätzungen von Experten zufolge etwa zwei sein, die die extreme
Sichtweise eines Ajatollah Misbah Jasdi unterstützen.
Auf ganz unterschiedlichen Ebenen formiert sich im Iran und innerhalb des
schiitischen Islams Widerstand gegen die Vorstellungen Mahmud Ahmedinedschads
und seiner Hintermänner. Einflussreiche Geistliche werfen ihnen vor, die
Mahdi-Erwartung illegitim für politische Zwecke zu missbrauchen. Der
iran-stämmige Journalist Amir Taheri behauptet gar, dass die Mehrheit der
schiitischen Führung innerhalb und außerhalb des Irans gegen das
herrschende Regime eingestellt sei: "Alle Großajatollahs sind heute bittere
Feinde der Regierung, die sie der Verdrehung schiitischer Theologie
bezichtigen."
© Johannes Gerloff, Christlicher Medienverbund KEP
www.israelnetz.de
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