Hinterfragt: Das Motto für den Kirchentag 2017

23.03.2017 | von Berthold Lehmann

Dieses Jahr steht wieder ein Kirchentag auf dem Programm und es ist nicht irgendein Kirchentag, sondern ein ganz besonderer. Er feiert nicht nur das regelmäßige Zusammentreffen der EKD-Mitgliedskirchen in Deutschland, sondern diesmal auch 500 Jahre Reformation. Also wird sich der Kirchentag einiges einfallen lassen für so einen besonderen Anlass. Umso mehr war ich dann enttäuscht, als ich das Motto des Kirchentages 2017 las: „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13)

Ich kenne meine Bibel ziemlich gut. Auch mit dem hebräischen Urtext kenne ich mich gut aus. Aber dieser Vers ist mir noch nie begegnet und das, obwohl ich das 1. Buch Mose kenne wie meine Westentasche. Vielleicht, dachte ich mir, ist es aus einer dieser neumodischen Übersetzungen. Nein auch nicht. Selbst die neue Lutherbibel hat an dieser Stelle das Original der Ausgabe von 1984 beibehalten. Irgendwie hatte ich erwartet, dass zum Kirchentag für das Reformationsjubiläum, für das extra eine Revision der Lutherbibel gemacht wurde, wenigstens aus ihr auch zitiert werden kann. Weit gefehlt! Aber von Kirchentagsmottos ist man ja schon so einiges gewöhnt.

Gott fehlt

Also Hebräische Bibel aufgeschlagen! Da steht im hebräischen Urtext, wenn man den betreffenden Teil des Verses wörtlich übersetzt „[…] Du [bist] ein Gott der mich sieht […]“. Was einem auffällt, ist, dass Gott absichtlich weggelassen wurde. Im Hebräischen ist Gott untrennbar mit dem Verb „sehen“ verbunden. Eigentlich ist das Verb im Hebräischen ein Partizip, dass im Deutschen als Verb übersetzt wird. Man kann es auch als „ein mich sehender Gott“ übersetzen.

Das Partizip ist so aus dem Verb konstruiert, dass es ohne das Bezugswort nicht bestehen kann. Ein Partizip hat auch keine Zeitform. Gott sieht mich gestern, heute und morgen. Auch die Betonungszeichen im Hebräischen zeigen an, dass die Wörter untrennbar miteinander verbunden sind und dass eine Pause im Satz kommt. Nach dem Gesehenwerden durch Gott sollte man erst einmal innehalten und kurz aufatmen. Denn Gott sieht mich, der ich so gering und klein bin.

Aber dieses Sehen hat im Hebräischen viel mehr als nur die eine Bedeutung. Sehen ist auch das Wort für Gottesfurcht. Wenn ich Gott gesehen habe, dann erkenne ich seine Größe. Es ist auch das Wort für Hirte. Der Hirte sieht nach mir, indem er mich leitet und führt. Gott führt auch mich zum frischen Wasser des Lebens. Genau das Wasser des Lebens ist es, worin der Kontext besteht. Diesen Satz sagt niemand geringeres als Hagar, die Magd Abrahams, als sie von Sarah in die Wüste geschickt wurde und einen Brunnen mit Wasser erblickt.

Dort erkennt sie den Gott Abrahams, der hier mit Eigennamen genannt wird. Er versteckt sich nicht hinter einem anonymen Du, sondern offenbart sich. Er spricht Hagar persönlich an und sorgt für sie. Sie ist für ihn nicht zu klein und unscheinbar. So kann sie sehen, wer er wirklich ist, denn im Hebräischen erkennt man mit dem Sehen. Gott ist ein persönlicher Gott, den man sehen und erkennen kann, denn er hat einen Namen.

Politisches Statement

Leider macht der Kirchentag daraus ein politisches Statement, anstatt wieder die Bibel dem Volk zu bringen. Gott wird in den anonymen Hintergrund gedrängt. Die Bibel wird verwendet, wie es gerade dem Zeitgeist entspricht. So heißt es in der offiziellen Erklärung zum Motto des Kirchentages auf dessen Webseite, dass die Erzvätergeschichten keiner historischen Wahrheit entsprechen und der damit bestehende Anspruch des Volkes Israel auf sein Erbe und sein Land Legenden seien.

Stattdessen will man an den Dialog mit dem Islam anknüpfen, indem man das Motto auf den Stammvater der Moslems, Ismael, bezieht. Im Islam war Ismael der rechtmäßige Erbe Abrahams, der übrigens auch Moslem war. Wer den Dialog mit dem Islam will, muss dafür die Juden verleugnen und ihnen das Land absprechen. Doch statt sich gerade zum Lutherjubiläum öffentlich von Luthers Antisemitismus zu distanzieren, ist dieser in Form des Antiisraelismus auf dem Kirchentag stark vertreten.

Das Motto des Kirchentages ist Ersatztheologie in seiner reinsten Form! Ein Motto, das dem Volk Israel seinen Gott und sein geistliches Erbe absprechen will, gehört nicht zu einem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Der Dialog mit dem Judentum findet nur noch am Rande statt und Joel Berger, ehemaliger Landesrabbiner von Baden- Württemberg, bezeichnet ihn frustriert als „Schönwetterveranstaltung“.

Dass messianische Juden, die seit Jahren darum kämpfen, sich mit einem Informationsstand präsentieren zu können, auf dem Kirchentag nicht erscheinen dürfen, wissen wir. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Kirchentages, erklärte gegenüber dem evangelischen Nachrichtenmagazin „idea Spektrum“, dass messianische Juden nicht erwünscht( sic!) seien. Stattdessen spricht sie sich in einem offiziellen Statement über das Motto des Kirchentages 2017 für den Dialog mit dem Islam aus.

Juden sind nicht erwünscht und Gott kommt auf dem Kirchentag noch nicht einmal im Motto vor. Wir als Israelfreunde sollten dem, was auf dem Kirchentag passiert und verkündet wird, auf jeden Fall kritisch gegenüberstehen. Vielleicht nutzten die Initiatoren des Kirchentages für das nächste Motto auch wieder die Übersetzung aus der „Heimwerkerbibel 2017“, die dem Motto folgt: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“


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